Gegendarstellung zum Philologenverband A 13 für alle

aus der aktuellen Wiesbadener LehrerInnenzeitung

Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr des Philologenverbands,

Intelligenz und Ignoranz liegen manchmal ganz nah bei-sammen. Wenn selbst Teile der FDP die Folgerichtigkeit und Notwendigkeit von A 13 für alle versteht und un-terstützt, so hätte ich mir von Ihnen mehr erwartet als diesen Seitenhieb und eine Schleimspur Richtung un-serer Kolleginnen und Kollegen an Gymnasien – und nebenbei die Leistung der Gesamtschullehrerinnen und -lehrer unkommentiert lassen.

Natürlich leisten sowohl die Gymnasial- als auch die Gesamtschulkollegien eine hervorragende Arbeit, aber das ist doch nicht der Punkt dieser Debatte! Der Punkt ist, dass uns in fatalem Ausmaß GrundschullehrerInnen fehlen und dieser Trend exponentiell anwächst, auch ganz ohne den von Ihnen geleisteten Zusatzansporn, diesen Beruf tunlichst zu vermeiden und statt dessen ordentliche Gymnasiallehrer*innen zu werden! Einige dieser Lehrer*innen schulen momentan übrigens un-ter schweren Bedingungen auf Grundschullehramt um, aber das nur am Rande.

Ich diagnostiziere bei Ihnen einen pädagogischen Knick in der Optik: wie, bitteschön, sollen die Gymnasialklas-sen ihre Arbeit (weiterhin und gerne auch zu noch bes-seren Bedingungen, wenn es das Budget hergibt) gut machen, wenn die „Bausubstanzen“ hierzu, nämlich leistungsstarke, motivierte Lernerinnen und Lerner fehlen? Und wo werden diese geformt? Na? Kommen Sie darauf? EBEN! In der Grundschule!

Ich lade Sie dazu ein, bei mir in der Klasse zu hospitie-ren und ich wette mein gesamtes A 12 Jahresgehalt, dass Sie mir danach A 13 von Herzen gönnen würden.

Ich lade Sie dazu ein, meine Belastungsgrenze mit zu überschreiten – und das tue ich täglich. Denn heutzu-tage steht auf dem Stundenplan viel mehr als Mathe, Deutsch, Sachunterricht usw.

Es steht darauf: den Kindern ein Hafen sein, ihnen ein Stück Sicherheit und Zuhause zu geben, unabhängig

ihrer Herkunft und bisherigen Erfahrungen, gemein-same Aufarbeitung von Traumata, Elternarbeit, Ver-schriftlichung aller noch so kleinen Maßnahmen, Verstärker- und Förderpläne für eine Großzahl von Kin-dern, Wunden verarzten (auch wenn man offiziell kein Pflaster mehr anbringen darf), gemeinsam Feste feiern (weil den Eltern der Geburtstag entfallen ist), Regeln und Rituale zu erarbeiten, Sozialverhalten zu definie-ren und zu leben, eine Arbeitshaltung aus den Kindern herauszukitzeln, denen die Bedeutung von Lernen un-klar ist ....

Das alles, und noch viel mehr machen wir täglich, ohne Königinnen oder Könige von Deutschland zu sein. Und so unvorstellbar es klingen mag: wir machen es GERN! ABER wir erwarten dafür auch etwas: Wertschätzung, die sich nicht nur auf dem Konto, sondern auch in der öffentlichen Meinung spiegelt - und da ist Ihr Artikel ein echt übler Seitenhieb – und gerne auch Unterstüt-zung in Form von multiprofessionellen Teams, endlich weniger Pflichtstunden (wieso geht das in Hessen ei-gentlich immer erst viel später als in der restlichen Re-publik? Inklusion scheint selbst in der Bildungspolitik unseres Landes noch nicht optimal zu laufen).

Ich lade Sie dazu ein, Ihren pädagogischen Blickwinkel zu revidieren. Und zu guter Letzt lade ich Sie dazu ein, einfach rechnerisch zu denken: Lehrermangel ist Fakt. Wie reagiert die Wirtschaft auf wachsende Nachfra-ge? EBEN. Mit einem besseren Angebot. Und genau das wollen wir als GEW den jetzigen und den zukünftigen Kolleginnen und Kollegen machen! Darum A 13 für alle .... Damit unsere Kinder von klein auf das Lernen lieben und unseren Kolleginnen und Kollegen in der weiter-führenden Schule wieder zunehmend Freude bereiten können.

Mit freundlichen Grüßen Johanna Browman