Ein System kollabiert

Gastbeitrag der Bezirksvorsitzenden

Für den Newsletter der bildungspolitischen Sprecherin der LINKE-Fraktion im Landtag vom 25.05.2020 hat Manon Tuckfeld folgenden Gastbeitrag geschrieben:

Als die Lehrer*innenkollegen zum 01.02.2020 die Zeugnisse ihren Schüler*innen übergaben, war Schule schon ein Volllastbetrieb, der im Hinblick auf kleinste Störungen zu versagen drohte. Schon damals (es scheint Jahre her) fehlten an den Grund-und Förderschulen Lehrkräfte. Schon damals wurden Teilzeit- und Sabbatjahranträge mit dem Hinweis auf allgemeinen Lehrer*innenmangel abgelehnt. Schon damals war Inklusion in der Praxis ein Sparmodell, das über hochtrabende Begriffe und Strukturen die Verwaltung des Mangels kaschierte. Schon damals wurden allenthalben Menschen gesucht, die bereit und willens waren, Schulleitungsaufgaben zu übernehmen. 

Die Not führte zu mancherlei Stilblüte: TV-Hler*innen als Klassenlehr*innen; Abwesenheitsvertreter*innen, die die Schulorganisation schmissen u.v.a.m.. An Lösungen, die Geld kosten würden, waren die politisch Verantwortlichen nicht interessiert. Das A 13-Spiel der schwarz-plus-X-Landesregierungen war, sich gegenseitig zu vergewissern, nicht einzuknicken und den Grundschulkolleg*innen auf keinen Fall den gleichen Lohn wie ihren Kolleg*innen am Gymnasium zu zahlen. 

Am 03.02.2020 sah Gesundheitsminister Spahn Deutschland für eine mögliche Epidemie gut gerüstet - allerdings sei man angesichts von zehn Corona-Infizierten "noch lange nicht" auf dieser Stufe angelangt(https://www.tagesschau.de/inland/coronavirus-germersheim-111.html). 
Danach ging es Schlag auf Schlag. Die Schulen schlossen und eine verstörende Routine griff Raum. Lehrer*innen wurden in Geisterschulen erwartet. Dies bis selbst der Letzte merkte, dass das der Pandemie nicht entgegenwirkte. Homeschooling, eine bis dahin wenig verbreitete Methode, ging viral. Schüler*innen, denen im Rahmen der Medienerziehung noch kurz zuvor der kritische Umgang mit dem World Wide Web, der informationellen Selbstbestimmung, dem Recht am eigenen Bild, dem Umstand, dass das Netz nichts vergisst, und demjenigen, dass Daten die neue Währung sind, nahe gebracht worden war fanden sich vor der Datenkrake ‚Zoom‘ im digitalen Unterricht. 

Die Zeiten des ersten Schocks sich vorbei. Jetzt regiert die Kultusbürokratie mit Erlassen und Verordnungen. Die Politik schiebt Artikelgesetzte hinterher. Personalratswahlen wurden verschoben, der 1. Mai abgesagt. Das System Schule wird angeleint. Diskussionen? Fehlanzeige! Mitbestimmung - von Lehrer*innen, Eltern und Schüler*innen? Nur für Schön-Wetter-Zeiten, oder eben auch nicht. Diagnose: ein System, das mit autoritärer Mangelverwaltung versucht, nicht vollends aus den Fugen zu geraten.

Schulstart / Klassenteilung / Risikogruppe / Homeschooling / Präsenzunterricht / Prüfungen / Versetzungen / Zeugniskonferenzen / Abstandsregeln / Hygiene / abgehängte Schüler*innengruppen / nachholende Digitalisierung / fehlende Lehrer*innenarbeitsplätze / Zwangsabordnungen ….

Zumutungen für ein System, das schon vor Corona Volllast fuhr. Und jetzt? Lehrer*innen hetzen zwischen geteilten Lerngruppen hin und her und betreiben neben dem digitalen auch analoges Homeschooling im Präsenzbetrieb: Aufgabenverteilung, kurze Anleitung, nächste Lerngruppe. Schüler*innen, die maximal mit 50% ihrer Stundentafel versorgt werden können, weil die Lehrgruppe der Vor-Coronazeit aus 23 und x Schüler*innen bestanden. Der Rest der x - 50%? Unterrichtsbegleitendes oder -ersetzendes häusliches Lernen, angeleitet durch die Lehrer*innenschaft der Risikogruppe. Nur noch eine Frage für Mathematiker und Logistiker. Pädagogik ausgewandert?!

Und alle bezahlen die Rechnung: Schüler*innen werden in ihren Lernprozessen nicht ausreichend unterstützt. Noch mehr Bildungsverlierer. Eltern werden als überforderte Hilfslehrer*innen zwangsrekrutiert. Lehrer*innen arbeiten über die physische und psychische Belastungsgrenze im Präsenzunterricht und im Homeschooling (natürlich ohne Arbeitsplatz und ohne vom „Dienstherrn“ gestellte Infrastruktur, etwa Dienstrechner). 

Und zum Schluss, und damit der unübersehbare Mangel einer scheinbaren Lösung zugeführt wird, sollen Gymnasiallehrer*innen im Turboverfahren eingestellt und an die Grundschulen durchgereicht werden. Da sollen sich dann Kolleg*innen mit unterschiedlicher Vergütung vereint gegen das Schuldesaster stemmen. Dass das hilft kann aus gutem Grund bezweifelt werden.

Corona ist, da sind sich die Virolog*innen einig, besonders gefährlich, wo es auf Vorerkrankungen trifft. Das gilt auch für das massiv und mehrfach vorerkrankte Schulsystem. Hochrisikogruppe, sozusagen.