Aufruf

zum Umgang mit unterschiedlichen Auffassungen zu den Corona-Maßnahmen und ihren Folgen

Corona bringt Pädagog*innen mächtig unter Druck. Es gibt Proteste von Eltern – bis hin zu Klagen – gegen die Maskenpflicht, es gibt sich ständig verändernde Vorschriften, die oft nicht eindeutig oder praxisfern sind, etwa, wenn es darum geht, dass sich 30 Schüler*innen an einem Waschbecken ausdauernd vor Stundenbeginn die Hände waschen sollen. Manche Schüler*innen tragen die Masken nicht wie vorgeschrieben, manche kommunizieren weniger oder sind abgelenkter; Unterricht wird schwieriger. Elektronischer Unterrichtsersatz muss ohne das nötige Equipment durchgeführt werden; nicht alle Schüler*innen machen so mit, wie sie sollen, und die Erfolge sind unterschiedlich. Mitbestimmung leidet, wenn man nur eingeschränkt direkt miteinander kommunizieren kann; manches geht eben digital doch nicht so gut. Wenn uns in dieser Situation auch noch Spaltungstendenzen in Kollegien zu schaffen machen, haben wir nur wenig Chancen uns zu wehren und unsere Interessen durchzusetzen. Daher dieser Aufruf.

Aufruf zum Umgang mit unterschiedlichen Auffassungen zu den Corona-Maßnahmen und ihren Folgen

Nur gemeinsam sind wir stark!

Die Ängste und Bedenken, die viele in Zeiten von Corona begleiten, sind auch bei uns zu spüren und viele Kolleg*innen sind besorgt um ihre Gesundheit. Unterricht in verkleinerten Klassen gibt es nur im Notfall; die Regierung favorisiert als kostenneutrale Lösung den Einsatz von Masken, deren Wirkung allerdings eingeschränkt ist.

Wenn der Unterricht aber ohne Masken stattfindet, befürchten viele Kolleg*innen infiziert zu werden und bestehen daher – aus ihrer Sicht verständlich – auch hier auf einer Maskenpflicht.

Andere wiederum beklagen beim Unterrichten mit Maske Kopfschmerzen und andere Beschwerden und vor allem auch, dass die Möglichkeiten des Unterrichts eingeschränkt seien. Auseinandersetzungen sind somit vorprogrammiert, der Tonfall wird zuweilen gereizt. In diesem Klima von Verunsicherung und Angst werden andere Meinungen oft nicht toleriert und manchmal geht es dabei sogar „unter die Gürtellinie“. Jahrelang funktionierender kollegialer Umgang schwindet und verändert den Zusammenhalt in den Kollegien.

Dabei wäre Unterricht mit halben Klassenstärken bei Beibehaltung der Raumgrößen vor allem auch pädagogisch durchaus sinnvoll – und nicht nur als kurzfristige und nahezu unvermeidliche Reaktion auf den massiven Anstieg der Inzidenzzahlen im November. Hierzu wären andere Konzepte, die mehr Personal und Räume erfordern, notwendig. Vor diesen schreckt die Landesregierung aber zurück, vermutlich ausschließlich wegen der damit verbundenen Kosten.

Wir meinen: Wenn Milliarden € zur Rettung großer Flug-, Reise- und anderer Konzerne in der Corona-Krise da sind, sollten wir die vergleichsweise geringen Mittel für eine bessere und gesunde Beschulung unter diesen besonderen Verhältnissen nachdrücklich einfordern. Und wer uns glauben machen will, dass sinnvolle Wege wie die kleinen Klassen, die persönliche Ansprache von Schüler*innen, die Vergütung von Mehrarbeit, die Lehrkräfte unaufhörlich leisten, nur eine Frage der fehlenden Möglichkeit wäre, neue Lehrkräfte einzustellen, irrt. Der Kultusbürokratie und den Entscheidungsträgern sind unsere Arbeitsbedingungen noch nicht einmal eine CO2-Ampel oder die Anschaffung hochwertiger Luftreiniger wert.

Stigmatisierung vor jedem sachlichem Austausch

Noch emotionaler wird es, wenn es um die Einschätzung der aktuellen Gefahrenlage geht, die insgesamt beinahe täglich und in vielen Bundesländern und Kommunen unterschiedlich und neu vorgenommen wird. Die Notwendigkeit mancher Maßnahmen werden in Zweifel gezogen, von Fachwissenschaftlern wird an der Bewertung der Risiken zunehmend Kritik geäußert und zur Diskussion angeboten. Zu diesen Menschen, die den derzeitigen Maßnahmen kritisch oder gar ablehnend gegenüberstehen, gehören vor allem diejenigen, die gesellschaftliche Entwicklungen generell kritisch begleiten, wie z.B. der stv. Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag Andrej Hunko, oder die GEW-Mitglieder Prof. Rainer Roth und der ehem. Aschaffenburger GEW-Vorsitzenden Reinhard Frankl, die gemeinsam eine BroschürezumThemaLockdownverfassthaben. DerVersuch, sämtliche Kritiker*innen in die rechte Ecke abzudrängen, wird der Sache nicht gerecht - und verhindert jeden Dialog.

Demokratie bleibt stecken

Ein weiterer Aspekt ist die Frage nach der Gefährdung bzw. der partiellen Aussetzung rechtsstaatlicher Prinzipien. Kritik kommt auch von namhaften Verfassungsrechtler*innen. Man muss darüber diskutieren dürfen, ohne dabei gleich in die Ecke der "Corona-Leugner" oder "Verschwörungstheoretiker" gestellt zu werden. Insbesondere wir als Gewerkschaftler*innen sind in diesen Zeiten aufgerufen, gelassen zu bleiben und aufmerksam darauf achten, dass unsere Mitbestimmungsrechte eingehalten werden. Denn die Gesetze gelten trotz Corona immer noch und wurden nicht ausgesetzt!

Ein wenig mehr Voltaire - bitte!

Nicht nur die gesundheitlichen Fragen, auch die aufgeheizte Atmosphäre und ein Verlust von Vielfalt in der öffentlichen Diskussion bis hin zur medialen Verfolgung vorgeblicher Gegner*innen machen Angst, was besonders auch in den "sozialen" Medien zu spüren ist.

Der politische Diskurs verändert sich, wird intoleranter, und statt sachlicher Auseinandersetzung mit einem gewissen Respekt vor der Würde des Gegenübers wird lieber verächtlich gemacht oder sogar diffamiert. Die Voltaire zugeschriebene Haltung: "Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.", kann zunehmend weniger beobachtet werden.

Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft, und wohin wollen wir als GEW?

Können wir es unter dem Gesichtspunkt einer freien und fairen Debatte akzeptieren, dass Kolleg*innen ausgegrenzt werden, die den Maßnahmen der Regierungen skeptisch gegenüberstehen? Berücksichtigen wir an dieser Stelle, dass wir Pädagog*innen und eben keine medizinischen Fachkräfte sind, und versuchen, uns bei der Bewertung der Corona-Lage zurückzuhalten und das Gemeinsame in den Mittelpunkt zu stellen.

Als Bildungsgewerkschaft haben wir andere, wichtigere Themen, für die wir zusammen einstehen und kämpfen müssen. Denn es gibt vieles, was uns im Augenblick beschäftigen muss und weiter auf uns zukommt.

  • Die Digitalisierung des Unterrichts war bereits Thema im BV Südhessen. Personalräte haben ebenfalls Schwierigkeiten, sich hier Gehör zu verschaffen. Fragen zum Datenschutz müssen beantwortet werden.

  • Da ist die massive Vermehrung privaten Reichtums, und das bei der gleichzeitigen massiver Steigerung der öffentlichen Verschuldung, die in großer Selbstverständlichkeit in den letzten Monaten erfolgt ist. Wie soll dieser Schuldenberg in den nächsten Jahrzehnten wieder abgebaut werden? Steuererhöhungen? Lohnverzicht? An/Absagen zum Thema A13 waren schon aus dem politischen Lager zu vernehmen.

  • Der zunehmende Verlust von Chancengleichheit für alle unsere Schüler*innen, die zum Beispiel im Distanzunterricht über keine eigenen Endgeräte oder geeignete Räume bei sich zu Hause verfügen. Viele haben aber auch nicht die Kraft, aus intrinsischer Motivation heraus selbstgesteuert zu lernen. Viele Menschen brauchen die persönliche Ansprache.

  • ...

Fest steht: Es finden viele Veränderungen statt, die uns diesmal besonders herausfordern. Anstatt uns zu entzweien, müssten wir aber gemeinsam auftreten, indem wir die Probleme, die uns einen, benennen und deren Abhilfe fordern.

Wie auch immer man das derzeitige Handeln unserer Regierungen auf Bundes- und Landesebene bewertet, sollten wir uns wieder auf unsere gemeinsamen Interessen konzentrieren.

Und: Wir wollen auch weiterhin eine Debattenkultur, die kritische Stimmen zu Wort kommen lässt und auf Toleranz setzt. Diffamierung und Ausgrenzung kann in einer Atmosphäre der Angst kurzfristig psychische Entlastung bieten. Langfristig aber schaden wir uns, wenn wir die Spaltung nicht überwinden. Nur gemeinsam sind wir stark!

Christine Dietz, Michael Köditz, Manon Tuckfeld, Klaus Armbruster

Der Geschäftsführende Vorstand des Bezirksverbands Südhessen hat der Herausgabe dieses Textes am 27.10.2020 zugestimmt.